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Liquiditätsmanagement in turbulenten Zeiten – Strategien für Unternehmen mit US-Tochtergesellschaften und Schweizer Lieferketten

1. Einleitung

Bild von Andrew Seaman aus Unsplash

Das Jahr 2025 bringt für internationale Treasury-Abteilungen neue Herausforderungen. Politische Entscheidungen, Handelskonflikte und regulatorische Änderungen können von einem Tag auf den anderen die Geschäftsgrundlagen verändern. Ein aktuelles Beispiel: Plötzlich eingeführte Zölle von 39 % auf Warenlieferungen aus der Schweiz in die USA. Unternehmen mit Tochtergesellschaften in den Vereinigten Staaten, die Schweizer Vorprodukte oder Endwaren importieren, stehen schlagartig vor massiven Mehrbelastungen.
Solche abrupten Kostensteigerungen belasten nicht nur die Margen, sondern auch die Liquidität. In turbulenten Zeiten wie diesen ist es Aufgabe des Group Treasurer, die Zahlungsfähigkeit zu sichern, Finanzierungsspielräume zu schaffen und die Kapitalstruktur flexibel zu halten.

2. Die besondere Herausforderung: Plötzliche Zollbelastungen

Eine Zolländerung dieser Grössenordnung trifft Unternehmen oft doppelt:

  1. Erhöhung der Warenkosten – Die Margen sinken, weil zusätzliche Kosten im Einkauf entstehen.
  2. Erhöhte Liquiditätsbindung – Zollbehörden verlangen häufig Depotzahlungen oder Vorauszahlungen, bevor die Ware freigegeben wird. Das bindet kurzfristig signifikante Mittel.

Beispielrechnung:
Ein US-Importeur mit monatlich 5 Mio. USD Warenwert aus der Schweiz muss plötzlich 39 % Zoll als Vorauszahlung leisten.

  • Vorher: 0 USD Zollbindung
  • Jetzt: 1,95 Mio. USD Liquiditätsbedarf pro Monat allein für Zolldepots

Das kann in wenigen Tagen zu einem drastischen Liquiditätsengpass führen – selbst bei ansonsten profitablen Unternehmen.

3. Rolle des Group Treasurer in der Krise

In solchen Situationen wird der Group Treasurer zum strategischen Krisenmanager. Seine Hauptaufgaben:

Bild von Gabriel Bassino aus Unsplash
  • Schnelle Liquiditätsplanung (täglich bis wöchentlich statt monatlich)
  • Absicherung eines Mindestliquiditätsniveaus
  • Aktive Finanzierungsgestaltung – sowohl onshore (in den USA) als auch offshore (z. B. über die Schweiz oder andere Ländergesellschaften)
  • Kommunikation mit Management & Banken – zur schnellen Genehmigung neuer Kreditlinien oder Cash-Pooling-Mechanismen
  • Risikominimierung durch Diversifikation von Lieferketten und Finanzierungspartnern


4. Berechnung der Minimum Liquidity

In turbulenten Zeiten ist es entscheidend, nicht nur „ausreichend“ Liquidität zu haben, sondern ein klar definiertes Minimum Level of Cash.

Formelvorschlag:

Minimum Liquidity = Operativer Liquiditätsbedarf + Risikopuffer + Opportunitätsreserve

  • Operativer Liquiditätsbedarf = Summe aus Zahlungsverpflichtungen der nächsten X Tage/Wochen (Löhne, Lieferanten, Miete, Zinsen)
  • Risikopuffer = Meist 15–30 % des operativen Bedarfs, abhängig von Volatilität und Zahlungsunsicherheit
  • Opportunitätsreserve = Mittel für kurzfristige Chancen (z. B. günstiger Grosseinkauf, Übernahme einer Marktchance, Wechselkursabsicherung)

Praxisbeispiel:

  • Operativer Bedarf (4 Wochen): 8 Mio. USD
  • Risikopuffer (20 %): 1,6 Mio. USD
  • Opportunitätsreserve: 1 Mio. USD
  • Minimum Liquidity: 10,6 Mio. USD


5. Finanzierungsalternativen bei plötzlichen Zollkosten

5.1 Neue Kreditlinien (Onshore in den USA)

  • Vorteil: Direkte Liquidität in der Währung, in der die Zollzahlung fällig wird.
  • Nachteil: Eventuell höhere Zinsen und längere Verhandlungszeiten, falls keine bestehenden Rahmenkredite vorhanden sind.
  • Empfehlung: Bereits vor Krisen ungenutzte Kreditlinien sichern – selbst wenn sie in normalen Zeiten nicht benötigt werden.

5.2 Offshore-Kreditlinien (z. B. Schweiz, EU)

  • Vorteil: Nutzung günstigerer Zinssätze oder bestehender Bankbeziehungen ausserhalb der USA.
  • Herausforderung: Währungsumrechnung (USD), regulatorische Genehmigungen, mögliche Kapitalverkehrsbeschränkungen.
  • Tipp: FX-Absicherung parallel einplanen, um Wechselkursrisiken zu minimieren.

5.3 Finanzierung über Cash Pooling

  • Konzept: Freie Liquidität anderer Konzerngesellschaften wird zentral gebündelt und bedarfsgerecht verteilt.
  • Beispiel: Schweizer Muttergesellschaft stellt über das Cash Pooling Mittel zur Verfügung, um US-Tochter die Zollvorauszahlung zu ermöglichen.
  • Vorteile:
  • o Schnell verfügbar
    o Keine externen Kreditkosten
    o Nutzung interner Liquiditätsüberschüsse
  • Risiken:
  • o Steuerliche Implikationen (Transfer Pricing)
    o Regulatorische Beschränkungen bei konzerninternen Darlehen


6. Strategische Liquiditätssicherung in volatilen Märkten

6.1 Kurzfristige Massnahmen

Bild von A. C. aus Unsplash
  • Wöchentliche oder tägliche Liquiditätsprognosen
  • Striktes Monitoring von Aussenständen (Receivables Management)
  • Enger Austausch mit Zollagenten, um Zahlungszeitpunkte zu optimieren
  • Nutzung von Kreditversicherungen zur Absicherung von Forderungen

6.2 Mittelfristige Massnahmen

  • Diversifizierung der Lieferantenbasis – z. B. Teile der Produktion in Länder mit günstigeren Zollbedingungen verlagern
  • Neuverhandlung von Zahlungszielen mit Lieferanten und Kunden
  • Einrichtung von „Standby-Fazilitäten“ bei Banken
  • Aufbau eines internen Krisenfinanzierungsplans

6.3 Langfristige Massnahmen

  • Aufbau eines strategischen Liquiditätspuffers (3–6 Monate operativer Bedarf)
  • Etablierung eines globalen Treasury-Management-Systems für Echtzeit-Transparenz
  • Frühwarnsysteme für regulatorische Änderungen in den wichtigsten Märkten


7 . Fallstudie – Reaktion eines Unternehmens

Ein mittelständischer Industriezulieferer mit Hauptsitz in Zürich und einer Tochtergesellschaft in Michigan importiert monatlich Maschinenbauteile im Wert von 8 Mio. USD in die USA.
Ausgangssituation:

  • Keine Zölle, Lieferungen frei ab Werk Schweiz
  • Liquiditätspuffer in den USA: 5 Mio. USD
  • Cash Pooling vorhanden, aber nur für EUR- und CHF-Konten

Krisensituation (plötzliche 39 % Zölle):

  • Zusätzlicher Liquiditätsbedarf pro Monat: 3,12 Mio. USD für Zolldepots
  • US-Puffer reicht nur für 1,5 Monate

Lösung:

  • Sofortige Aktivierung einer USD-Kreditlinie über 10 Mio. USD in den USA
  • Parallel: Anpassung des Cash Poolings, um CHF-Liquidität in USD zu konvertieren
  • Einrichtung eines neuen Mindestliquiditätslevels von 12 Mio. USD in der US-Tochter
  • Innerhalb von 6 Wochen: Szenarios entwickeln  mit alternativen Lieferantenwegen ausserhalb der Schweiz, sofern es die eigenen Interessen auf Gruppenstufe nicht behindert. Z.B. teilweise Verlagerung der Produktion zu Tochterfirmen, welche in Ländern mit vorteilhafteren Tarifen sind. Aber: auf Nachhaltigkeit achten.


8. Eine Auswahl an Szenarios







9. Rolle externer Berater in der Krise

Gerade in hektischen, unübersichtlichen Situationen ist externe Expertise oft entscheidend, um Zeit und Geld zu sparen:

  • Spezialisierte Treasuryexperten unter situativem Beizug von Zollexperten kennen regulatorische Schlupflöcher, alternative Finanzierungsformen und kurzfristige Optimierungsmassnahmen.
  • Vorteil: Unabhängige Sichtweise, direkte Kontakte zu Banken, Behörden und Logistikern.
  • Beispiel: Ein Berater kann binnen Tagen ein Modell entwerfen, das optimale Zollabwicklung, Finanzierungskosten und Währungsabsicherung kombiniert.


10. Fazit

Plötzliche regulatorische Veränderungen – wie hohe Zölle – stellen eine ernsthafte Bedrohung für die Liquidität international tätiger Unternehmen dar. Group Treasurer müssen in solchen Situationen schnell handeln, klare Mindestliquiditätsziele setzen und alle internen sowie externen Finanzierungsmöglichkeiten ausschöpfen.

Der Schlüssel liegt in einer Kombination aus kurzfristiger Liquiditätssicherung, mittelfristiger Finanzierungsgestaltung und langfristiger strategischer Resilienz. Kreditlinien, Cash Pooling und eine belastbare Liquiditätsplanung sind dabei unverzichtbare Instrumente. In Zeiten hoher Unsicherheit gilt: Lieber etwas zu viel Liquidität als zu wenig – denn Zahlungsfähigkeit ist die Basis jeder Krisenbewältigung.


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